Marianne und ihr Lippenstift

 

Den Zollstock müsste ich mir noch von Susanne borgen, obwohl ich schon die Nacht vorher darüber nachgedacht hatte, dass ich doch jetzt unbedingt den neuen Laden ausmessen wollte und was man dazu braucht ist zumindest - old School - eben dieser Zollstock. Also gut bewaffnet mit dem Auge eines Ingenieurs, der Messlatte, Stift und Papier ging's dann am Morgen ans Werk. Ok, wenn man im Business von narkotisierenden Getränken zuhause ist, beginnt der Morgen nicht etwa schon um sieben Uhr. Für andere Teile, der in anderen Sparten beschäftigten Menschen ist es etwas irritierend, wenn ich um kurz vor der Mittagspause noch vom "Morgen" spreche, aber sei's drum, ich habe mir etwas von laszivem Studentenleben in mein jetziges Dasein gerettet. Ist doch auch gut, oder?
In diesen Moment der kontemplativen Rückbesinnung klopft es an der angelehnten Tür: Poch, poch, poch!
"Ja, bitte!" und wer mich kennt, weiß, daß dahinter stets etwas Fröhliches in meiner Stimme mitschwingt, denn ich freu' mich auf jeden, der in das noch unfertige Zuhause reinschneit.
"Ich bin's! Gottfried!" und gleichzeitig klingt aber auch eine Frauenstimme im Hintergrund. Was ist denn da passiert?
"Ich bin's und Marianne ist auch mit."
Herrgott im Himmel, denke ich, der Esel nennt sich immer zuerst.
"Ja dann mal nur hereinspaziert. Nichts ist so aufregend wie eine Baustelle."
"Marianne hat gehört, dass ihr jetzt hier seid und da wollten wir..." und mir tut das große Staunen in den Augen irgendwie gut, als die beiden die ersten Blicke schweifen lassen.
" Sag mal Peter, ist das jetzt dein Weinhaus?" und Mariann - so an die achtzig - hat ein Strahlen in den Augen, was mir weiche Knie macht.
"Tja, das wird mein neues Zuhause. Vielleicht auch ein wenig das eure."
"Oh ja Friedi, das machen wir. Frag du mal den Peter."
" Was habt ihr auf dem Herzen? Immer raus damit..."
"Also Marianne meint, wir sollten das bei dir machen."
Ich hantiere weiter mit Zolkstock und Stift: " Was denn bitteschön?"
"Friedi nun sag's schon."
Ich kenn Marianne schon lange. Strahlende Augen, zierliche Gestalt, schlohweißes Haar und immer den auffallendsten roten Lippenstift der ganzen Stadt in ihrer Tasche.
Gottfried eher bedächtig, was mit dem Alter so kommt, und seit ich ihn kenne, den guten französischen Rotweinen zugetan. Hin und wieder sogar sehr, was ihm dann Marianne mit einem zärtlichen Streicheln über die Hand auch immer verziehen hat, wenn er mal wieder über sein Maß probiert hat und sich dann über seine Frau - sicher nicht ernsthaft aber doch mit dem mürrischen Blick des Möchte-gern-Patriarchen - hinwegsetzen wollte:"Lass mal Friedi, wir machen das wie immer. Du bezahlst mal schön, Peter ruft uns das Taxi und dann bringt er uns den Wein noch hinterher. Dann bringt er ( ein prüfender Blick zu mir rüber und ein "Ja, das mach ich doch" fordernder Blick trifft mich) ihn dir auch noch in deinen Keller."
All diese Bilder schießen mir gerade durch den Kopf....
"Ja Peter es ist soweit!" kleine kurze Pause in der ich wieder nur von Mariannes strahlenden Augen gefangen werde. 
" Ja, ich bin jetzt mit Marianne fast fuffzig Jahre verheiratet, den größten Teil unseres Geldes haben wir doch bei dir gelassen..." aber da erlaube ich mir ein leichtes Räuspern dazwischen zu schieben. " Tja und da dachten Marianne und ich ( hoppla, der Esel hat was gelernt) wir feiern das bei dir. Aber wann wird das denn endlich fertig? Ich hab' mir schon Wein bei Ede..." aber da zieht ihm seine Frau ein bißchen an der Hand...
" Ja, aber nur einmal und der war nicht lecker, oder? Ja wann machst ihr denn auf?"
"Marianne das wird am 7. Oktober sein."
"Mensch das ist super Peter! Darf ich meine Freundin Monika mitbringen, denn die hat da Geburtstag und machst du das mit unserer Feier am 27. Oktober?"
Obwohl ich noch nichts gesagt hatte, zieht mich eine zierliche Frau zu sich runter, drückt mir den rotesten Lippenstift auf die Wange und blinzelt mich an: " Sag deiner Frau, der ist von deiner Freundin Marianne....."
Trotzdem habe ich es noch geschafft die ganze Arbeit mit Zollstock, Stift und Papier zu Ende zu bringen.

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